Kürzlich erreichte mich die Mail einer Leserin. Sie fragte sich bzw. mich, ob die verbreitete Behauptung, Bauern im Mittelalter wären generell schlecht ernährt gewesen, Bestand hätte. Woher man das denn heute so genau wissen wolle, und ob man das tatsächlich so verallgemeinern könne?
Tatsache ist, dass Wolframs etwas unglückliche Fixierung auf fleischliche Kost („Ein Königreich für eine Wurst!“) nicht aus der Luft gegriffen ist. Zwar ist Wolfram kein Bauer, sondern gehört dem Adelsstand an, aber der Familie ist ja schon seit langem das nötige Kleingeld für einen adeligen Lebensstandard ausgegangen, und so ist seine Ernährungslage mit einer bäuerlichen durchaus vergleichbar.
Allgemein gibt es also über die näheren Umstände folgendes zu wissen.
(Sind Historiker unter Euch? Ich bitte, die Vereinfachungen
und Verallgemeinerungen zu verzeihen. Ich lasse einiges aus, aber ich will zwar
Bücher, aber eher doch keine historische Wissenschaftsliteratur schreiben.)
Bauern im Mittelalter (und auch das andere niedere Volk) aßen so gut wie nie Fleisch. Man konnte es sich einfach nicht leisten, die Milchproduzenten, Eierleger (Glück für Praxedis!) und Karrenzieher zu schlachten. Man aß vielleicht mal eines, wenn es verendete, aber sonst nicht oder nur zu allerhöchsten Feiertagen. Denn dann hätte man ja den Karren selber ziehen müssen... und Tiere zu halten, nur um sie zu essen, wie wir es heute machen, war einfach zu teuer. (Ist auch eigentlich heute zu teuer, nur gehört es heute wie im Mittelalter zum guten Ton, über seine Verhältnisse zu leben…) Man musste ja dafür erst mal das Futter anbauen - und auf der bereitstehenden Ackerfläche aß man das Grünzeug gleich selbst.
Auch die Adeligen aßen deutlich weniger Fleisch als wir heutzutage. Davon viel Wild, weil das ja sowieso herumlief und nicht gemästet werden musste. Fleischessen und damit auch die Jagd waren fest als Privilegien der Adeligen verankert. Nichtadelige durften da nicht mal dran denken.
Zur schlechten Ernährungslage der Bauern: Die war wohl streckenweise immer wieder vorhanden, resultierte aber nicht aus der überwiegend vegetarischen Ernährung, sondern aus dem immer wiederkehrenden Mangel an Fett und Vitaminen. Fett als überwiegend tierisches Produkt (inwieweit man im deutschen Mittelalter schon auf pflanzliche Fette zurückgreifen konnte, ist mir nicht bekannt) war mal wieder teuer und fehlte deshalb weitgehend. Vitamine gab es nur, so lange das Grünzeug frisch vom Strauch kam, also gab es von Oktober/November bis Mai/Juni die so genannte "Saure-Gurken-Zeit", in der man vor allem Lagerbares / lange, lange Gelagertes und Eingemachtes zu sich nahm - eben "Kraut und Rüben". Zusammen mit sehr schlechten hygienischen Verhältnissen, dem fehlenden Wissen über Krankheiten und der einen oder anderen schleichenden Vergiftung (Mutterkorn im Getreide, das nicht ausgelesen wurde), kombiniert mit harter körperlicher Arbeit, kommt man auf eine deutlich geminderte Lebenserwartung im Vergleich zu heute. Eine Zahl, die immer wieder genannt wird (obwohl ich nicht beurteilen kann, ob sie durch ihre Tradierung richtiger wird), beziffert die allgemeine statistische Lebenserwartung bei etwa 30 Jahren. Die Kindersterblichkeit tut statistisch ihr Übriges: nach meinem Wissen starb deutlich mehr als jedes zweite Neugeborene, und auch die Müttersterblichkeit im Kindbett war ziemlich hoch. Nachdem man aber im Kindbett ja in jungen Jahren stirbt, oder eben gar nicht, zieht auch das den Durchschnittswert weiter runter.
Tatsache ist aber, dass ich dem Spielmann mit seinen Mitte/Ende 40 ein schon recht ehrwürdiges Alter verpasst habe.
"Leibeigenschaft" ist in dem uns geläufigen Sinne (also auch dem, der in der Schule vermittelt wird) auch eher ein Phänomen, das ins ausgehende Mittelalter / Frühneuzeit gehört. Also dann, als die Adelszentren ihren Höhepunkt an Prunk und verschwenderischer Lebensweise erreichten. Unter den Adeligen galt ja, vereinfacht gesprochen, immer der am meisten, der sich und seine Mannen am prächtigsten ausstatten konnte, und wenn man mal überlegt, wie viele Ressourcen allein eine einzige Plattenrüstung verschlingt (35 bis 40 Kilo Eisen, das ja seinerseits erst gewonnen, veredelt und bearbeitet werden muss), kann man sich vorstellen, dass so ein Adelssitz ein Monster war, das alles aufsog, was die Gegend so zu produzieren hatte. Wolframs Vater mit seinen liberalen Ansichten vom Zusammenleben der Stände ist hier ganz klar Fantasy.
Sicher ist es so, dass die Bauern in fruchtbaren Gebieten weniger vom akuten Hungertod bedroht waren als die Bauern im steinigen, unfruchtbaren Oberfranken (wo es die Leute heute noch gelegentlich an Lebenslust fehlen lassen). Andererseits entstanden gerade in den fruchtbaren Gebieten die mächtigen, weil reichen Adelsgeschlechter. Siehe entlang des Rheins. Dass hier in Franken entlang der Wiesent alle paar Steinwurf weit eine Burg sitzt, erklärt sich eher daraus, dass man sich um das wenige riss, was zu holen war.
„Die Lebenserwartung“ im Mittelalter gab es also genauso wenig wie „das Mittelalter“ an sich – dieser Begriff wird dazu verwendet, allgemein einen Zeitraum abzudecken, der sich über etwa 700 Jahre erstreckt. Man kann sich vorstellen, dass sich Lebensumstände in einer solchen Zeitspanne sehr entscheidend ändern können.
Gerade Zahlen wie die durchschnittliche Lebenserwartung werden maßgeblich von Faktoren wie Epidemien (Pest), Hungerwintern und Kriegen (Kreuzzügen) beeinflusst.
So weit ich weiß, gilt es außerdem als erwiesen, dass klimatische Verschiebungen (um 1300) die Landwirtschaft sehr begünstigten und damit auch zu besseren Verhältnissen und auch einer Bevölkerungsexplosion geführt haben. Später setzte dann aus Gründen, die nichts mit Essen, sondern eher mit sozialen Faktoren zu tun hatten, eine Landflucht ein ("Stadtluft macht frei") und es blieben recht wenig Bauern übrig, um einen Haufen Städter und Adelige zu ernähren. Da beruhigte sich das Bevölkerungswachstum wieder. Man sieht also, es gab nicht "die" Lebenserwartung in "dem" Mittelalter, sondern beides sind dynamische Begriffe. Echte Aussagen kann man also immer nur über eine bestimmte Region in einer bestimmten Zeitspanne treffen.
So. Und woher man das nun alles weiß?
Da frage man die Archäologen. Gräbt man ein mittelalterliches Dorf aus, findet man ja nicht nur (mit Glück) Fundamente von Gebäuden (meist nur noch als Verfärbungen im Erdreich), sondern auch Komposthaufen und, mit Verlaub, die Klos. Natürlich auch Begräbnisanlagen. Das meiste natürlich in einer Form, wo wir normale Spaziergänger einfach drüber hinwegstapfen würden, aber die Archäologen erkennen da ganze Geschichten drin...
Zum Beispiel kann man aus den Rückständen von Abfallhaufen schließen, was gegessen wurde. Eine Skelettanalyse verrät, wie der Ernährungszustand des Menschen war, ein Blick auf die Zähne verrät sein Alter und lässt nochmals Rückschlüsse auf die überwiegend verzehrten Nahrungsmittel zu. Außerdem sind, vor allem in Klöstern, Listen erhalten, in denen die Lieferungen der umliegenden Bauern verzeichnet waren. Schaut man sich dann die Größe der bearbeiteten landwirtschaftlichen Fläche an und beachtet dabei die mittelalterlichen "Varianten" der angebauten Feldfrüchte (Getreide z.B.: wesentlich mehr Spelz, viel weniger Körner), kann man sich schon in etwa vorstellen, was die Bauern für den Eigenbedarf behalten konnten.
Als Fazit lässt sich sagen: Den armen, ausgemergelten, geknechteten mittelalterlichen Bauern hat es gegeben - aber nicht überall in Europa, und nicht 700 Jahre lang. Er ist genauso eine Erscheinung seiner Zeit und Region wie der Bauer, dem es eigentlich ganz gut ging. Auch die Adeligen hatten keine optimalen Lebensverhältnisse, auch sie lebten, mit Verlaub, im Dreck und froren sich den Allerwertesten ab bei dem Versuch, eine Burg zu heizen. Auch Adelige starben mit 20 Jahren an Lungenentzündung, und auch Bauern wurden bei guter familiärer Pflege mal 80 Jahre alt. Man sieht daran auch ganz gut, dass statistischen Durchschnittswerte die Wirklichkeit nicht wirklich abbilden. Wenn man es genauer wissen will, muss man dahinter schauen.
Und wem es noch nicht genug war, der lese doch hier weiter:
Arno Borst, Lebensformen im Mittelalter
Ein hervorragendes Buch, Standardwerk der Geschichtswissenschaft. In kurze, nach Stichworten sortierte Artikel gegliedert und äußerst allgemeinverständlich verfasst. Schon lange auf dem Markt, auch ältere Auflagen sind für den Hobby-Historiker durchaus brauchbar. Gut auch gebraucht im „Modernen Antiquariat“ erhältlich.