Für die Nachschlager und Hintergrundforscher unter Ihnen habe ich hier ein kleines Glossar des mittelalterlichen Lebens zusammengestellt, das aufzeigen soll, wo im Sternenritter das Mittelalter aufhört und die Fantasie anfängt.
„Über den Daumen gezogen“ kann man behaupten, dass ich Ambiente und Ablauf des Höfischen Festes sowie Ausstattung und Verköstigung nach historischen Fakten gestaltet habe. Auch die politische Denkweise und Strategie der Menschen entspricht dem, was sich die moderne Wissenschaft unter einem mittelalterlichen Menschen vorstellt (abgesehen von der religiösen Komponente). Einzige Ausnahme: Die sehr liberalen politischen Einstellungen von Wolframs Vater gehören ins Reich der Fantasie, zumindest während der Epoche des europäischen Mittelalters.
Mir als Historikerin ist klar, dass man über viele der unten aufgeführetn Begriffe dicke Bücher schreiben kann (und ist ja auch vielfach geschehen). Da ich aber davon ausgehe, dass die meisten von Ihnen keine Historiker/innen sind, beschränke ich mich bei den Erklärungen auf die Kerninhalte, also das Nötigste. Sollten Sie etwas genauer wissen wollen, zögern Sie nicht nachzufragen.
-TO BE CONTINUED-
Adelsgeschlechter:
Alle erwähnten Adelsgeschlechter waren im Mittelalter rund um das Fränkische /
Bayerische ansässig und haben mehr oder weniger Spuren hinterlassen. Die
Burgruine der Streitberger kann man heute noch besichtigen. Schräg gegenüber
auf der anderen Seite des Tals thront die Neideck, eine auch heute noch
imposante Anlage. Ein Hoffest hat sie leider nie gesehen, aber trotzdem wird
man dort auch rauschend gefeiert haben.
Babenberger: Es
gibt österreichische und fränkische Babenberger, und man weiß nicht so genau,
wie und ob die einen von den anderen abstammen. Die fränkischen haben aber eine
wichtige Rolle in der „Gründungsgeschichte“ Bambergs gespielt. Ihre Wurzeln
reichen ins 10. Jahrhundert, und im Laufe des 13. gingen sie der
Geschichtsschreibung verloren.
Erec: Artusroman
von Hartmann von Aue. Entstanden gegen Ende des 12. Jahrhunderts. Der Erec gilt
als der früheste deutschsprachige Artusroman. Geschichten um Artus und seine
Tafelritter waren um die Zeit in Frankreich höchst modern, und Hartmann griff
diese Erzähltradition auf. Während er sich noch ziemlich eng an die
französische Vorlage hielt, nahmen sich spätere Artusdichter mehr Freiheiten
und entwickeln eine eigene, deutschsprachige Artustradition. In den Artusromanen ging es hauptsächlich darum, ein ideales
Zusammenleben zu zeigen: ein weiser, gütiger, großzügiger König, gestützt von tadellosen
Rittern. Erst später gewann der Artusroman ein neues Motiv hinzu: den nicht
ganz so tadellosen Ritter, der ein paar Fehler macht und sich rehabilitieren
muss.
Geschenke für die
Spielleute: Das Beschenken der Gäste war bei jedem großen Fest ein
wichtiger, vielleicht der wichtigste Bestandteil überhaupt. Während wir ja
heute eher Gastgeschenke mitbringen (um den Inhaber des fremden „Territoriums“
milde zu stimmen?), war es im Mittelalter in Adelskreisen umgekehrt. Den
größten Status hatte derjenige, der die tollsten Geschenke machen konnte, denn
er demonstrierte neben Machtfülle auch seine „guete“ und „milte“,
Eigenschaften, die sehr angesehen waren. Aller Reichtum nutzte also nichts,
wenn man als geiziger Zipfel verschrien war.
Gralsritter:
Eigentlich ein christlicher Stoff, der eigentlich in meinem heidnischen“
Götterhimmel nichts zu suchen hat. Trotzdem ein zentraler Bestandteil
mittelalterlicher Literatur: Parzival, der fernab des Hofes aufwächst
(allerdings nicht fernab von höfischem Gedankengut, denn seine Lehrer haben
allesamt die Regeln perfekter Ritterschaft verinnerlicht) und es schließlich
zum Gralskönig bringt. Verfasst von Wolfram von… nein, nicht Kürenberg, sondern
Eschenbach. Ein komplexer, sehr kunstvoller Versroman vom Anfang des 13.
Jahrhunderts. Bisschen schwer zu lesen, wie viele dieser Versromane, weil sie
gnadenlos Handlungsfäden verweben: Die Geschichte in der Geschichte in der
Geschichte ist keine Seltenheit.
Großer Physiologus:
Zoo-Docutainment vor der Erfindung des Fernsehens. Genauer gesagt eine Art
Tierlexikon, in dem sich sowohl reale als auch Fabelwesen finden ließen. Der
ursprüngliche Physiologis entstand im 2. Jahrhundert, vermutlich in Alexandria.
In den folgenden paar-und-tausend Jahren wurde er oft ergänzt, abgeändert und
umgeschrieben. Vor allem die Kirche hatte ein frühes Interesse daran, dass die
Schäfchen nicht nur staunen, sondern auch lernen, und so wurden die
Tierbeschreibungen mit moralischen Lehren und Mahnungen ergänzt.
Gugel: Ein über
viele Jahrhunderte verbreitetes, sehr praktisches Kleidungsstück, quasi eine
Kapuze mit Schulterstück dran. Zeitweise war das Kopfstück mit einem Zipfel
versehen, der so lang war, dass man sich ihn um den Hals wickeln konnte. Die
Gugel wurde von allen Bevölkerungsschichten getragen, und wer mal im Winter in
einer Burg war, der weiß, warum.
Ich zog mir einen Falken… na endlich! Ein Kürenberger. Dies ist die erste Zeile des ältesten überlieferten Minneliedes. Von dem Verfasser wissen wir nichts als den Namen: Der von Kürenberg – selbst der Vorname ging also in den Wellen der Zeit unter. Erhalten ist das Gedicht in der so genannten Heidelberger Liederhandschrift aus dem 15. Jahrhundert. Wer übrigens mal ein bisschen Zeit hat, kann das Stichwort „Heidelberger Liederhandschrift“ googeln und die Online-Version dieser prachtvollen Handschrift bestaunen.
Das Lied vom Falken ist nicht nur das älteste erhaltene
Minnelied, sondern auch inhaltlich ungewöhnlich: Während in den üblichen
Minneliedern die schöne, ferne Frau besungen wird, gibt das Falkenlied in Metaphern
einer Frau eine Stimme, die den Geliebten nicht halten konnte.
Krähenkorn /
Mutterkorn: ein Pilz, der in nassen Sommern den Roggen befällt. Es
entwickeln sich, vor allem in Roggen, körnerartige Gebilde, die den Platz eines
Korns an der Ähre einnehmen. Wird der Pilz nicht ausgelesen, sondern mit
vermahlen und ins Brot eingebacken, kann er schleichende Vergiftungen
hervorrufen. Es gibt Wissenschaftler, die annehmen, die Teufelshysterie der
Frühneuzeit (Hexenverbrennungen und andere Erfreulichkeiten) sei auf eine
latente Vergiftung der breiten Bevölkerung mit Mutterkorn zurückzuführen, das
in schwacher Dosis wohl genau solche „Horrortrips“ verursacht. Der Name „Mutterkorn“ rührt von der wehenfördernden Wirkung
des Pilzes, die schon im Mittelalter für Abtreibungen oder zum Stimulieren der
Wehen eingesetzt wurde.
Kürenberg: Siehe oben beim Falkenlied. Über die Person des historischen Küernbergers ist nichts bekannt. Nach seiner Ausdrucksweise wird er in die Region des donauländischen Minnesangs verortet, also Süddeutschland / Österreich. Auch kennen wir nur dieses eine Lied von ihm.
Als ich einen Namen für meinen Wolfram suchte, fand ich die
Idee schön, diesem berühmten, aber gesichtslosen Namen eine Gestalt zu geben.
Außerdem ist auch Wolfram einer, dessen Namen und Gesicht man bald vergessen
hat – dessen Geschichten aber weiterleben.
Löwenritter / Iwein / Laudine und Lunete: Iwein ist ein Artusroman des Hartmann von Aue. Er entstand nach dem Erec und ebenfalls auf der Basis einer französischen Vorlage. Im Iwein haben wir es mit einem Ritter zu tun, der zwischendurch vom rechten Weg abkommt (die Frauen, immer die Frauen) und erst ein paar Lektionen lernen muss, ehe es mit dem Idealbild vom Ritter der Tafelrunde klappt. Iweins Liebste ist Laudine, die Herrin des Brunnens. Lunete ist die schlaue und loyale Dienerin Laudines, und der Löwe ist derjenige, der Iwein ein neues Image als „Löwenritter“ verpasst. Er kann sprechen und ist auch sonst ein recht kluges Tier (der Löwe, nicht der Ritter).