„Wir fragen nicht nach dem Weg!“
Sindri rief es über die Schulter. Er ritt vor mir; der Silbergraue tänzelte durch die Pfützen, dass der Schlamm nur so spritzte. Es war ja so klar gewesen, dass es regnen würde, zum ersten Mal in diesem Jahr richtig, wenn ich eine Reise mit Übernachtungen unter freiem Himmel auf mich nahm. Zumindest jetzt war die Wolkendecke wieder aufgerissen, und die Sonne ließ das frisch gewaschene Land in kräftigen Farben erstrahlen.
Der Gescheckte trottete gelassen hinter seinem vollblütigen Kollegen her, und ich saß im Sattel und baumelte frustriert mit den Beinen. Ich fand, es hätte nichts geschadet, die Bauern auf dem Feld drüben am Waldrand nach dem richtigen Weg zu fragen. Die Straße war viel benutzt und zerfurcht von Karrenspuren, was an sich ein gutes Zeichen war, aber ich war immer noch nicht sicher, ob wir nicht fälschlicherweise zum Markttag in Tiefenellern unterwegs waren. Nichts gegen den Markttag in Tiefenellern. Sie veranstalteten traditionell einen Schützenwettbewerb, und der Gewinner bekam eine Ziege.
„Du kannst eine Ziege für mich gewinnen“, sagte ich laut. „Du behauptest doch immer, ein guter Schütze zu sein. Du kannst sie mir als Freundschaftsgeschenk darbringen, und wenn es eine hübsche Ziege ist, kriegt sie einen Namen und darf ihre Marotten entwickeln.“
Sindri zügelte den Silbergrauen, der daraufhin unwillig schnaubend auf die Hinterhand stieg. Ich fragte mich, ob das Pferd wusste, dass es hier kein Publikum zu beeindrucken gab, oder ob ihm das so herzlich egal war wie seinem Reiter.
„Manchmal denke ich, du hast einen Vogel“, sagte Sindri.
„Ha, ha“, sagte ich. „Der Witz greift sich langsam ab.“
„Wir fragen nicht nach dem Weg“, sagte Sindri. „Wie stellst du dir das vor? Soll ich zu den Bauern hin reiten und mich als einen Adligen zu erkennen geben, der nicht einmal weiß, in welche Richtung er zum Hoftag reiten muss? Wie tief soll ich eigentlich sinken?“
„Du kannst es mich machen lassen“, sagte ich. „Ich bin schon so tief gesunken.“
„Nichts da“, sagte Sindri. „Wir fragen nicht nach dem Weg. Wirf bitte einen geneigten Blick um diese Wegbiegung.“
Ich trieb den Gescheckten an, und er fiel in einen widerwilligen Schaukeltrab. Ich schloss zu Sindri auf und sah in die angegebene Richtung.
„Na, da hast du ja noch mal Glück gehabt“, sagte ich.
Die Straße überquerte an dieser Stelle eine Hügelkuppe. Eine breite Linie aus Heckenrosen und Brombeergestrüpp nahm mir einen Teil der Sicht, aber in der Senke am Waldrand, einige Bogenschussweiten entfernt, sah ich bunte Wimpel, die im Wind flatterten. Eine riesige Zeltstadt war dort aufgeschlagen, Koppeln für die Pferde abgesteckt, und Pfützen glitzerten im zertrampelten Boden zwischen den Zelten, wo ein reges Treiben herrschte. Hinter dem Lager begann der Wald, der sich in steilen Hängen hinauf in den Himmel zog, und ganz oben, auf einem Felssporn, erhob sich majestätisch der vorderste Wehrturm der Burg Neideck.
„Bitte sehr“, sagte Sindri generös. „Das Zeltlager. Alle Teilnehmer am Hoftag schlagen hier ihr Lager auf, bis der Herr des Hoftages, Leutfried von Neideck, mit seinem Gefolge geritten kommt, um die ganze Festgesellschaft in seine Burg zu führen. Mit allem Prunk und Pomp, versteht sich.“
„Ich weiß das“, sagte ich ungnädig.
„Tatsächlich?“, sagte Sindri erstaunt. „Woher? Ich dachte, du wärest immer schon arm gewesen und hättest keine Erfahrung mit Hoffesten.“
„Ich hab’s gelesen“, sagte ich. „Und du, tu nicht so, als wärest du schon auf hundert Hoffesten gewesen, ja?“
„Ich war! Auf einem. Der Freie von Wallenbach heiratete die – die… keine Ahnung. Irgendeine dicke Trulla. Ich war acht und in die Magd verliebt, die mich mit Schmalzkuchen fütterte.“
„Beeindruckend. Dann kann dieses Mal ja nichts schief gehen. Gesetzt den Fall, du hältst dich von den Mägden fern.“
„Du hast wirklich keine Ahnung, wie man ein gutes Leben führt“, sagte Sindri, gab dem Silbergrauen die Sporen und galoppierte den Hügel hinunter, dass der Schlamm spritzte.
„Warte!“, rief ich ihm hinterher, aber er hörte nicht. Seufzend trieb ich den Gescheckten an. Ich hätte gerne noch hinter diesen Brombeerbüschen meine alte, fadenscheinige Reiserobe gegen die schöne braune getauscht, die ich vom letzten Abenteuer mitgebracht und über den Winter wie einen Schatz gehütet hatte. Ich hatte sie eingepackt, um sie vor dem Straßenschmutz zu schützen, damit ich ordentlich aussah, falls irgendjemand auf diesem Fest mein Liedchen hören wollte. Sindri hingegen hatte es schon auf der Straße vorgezogen, sich prunkvoll zu kleiden, und galoppierte nun in seinem leuchtend blauen Wams, mit schlammbespritzten Hosen und Stiefeln quer über die Wiese auf das Zeltlager zu. Ich trieb den Gescheckten energisch an, und er fiel in seinen gutmütigen Galopp.
Das Zeltlager war eine Stadt, nur ohne Mauern. Jenseits ihrer Grenzen, wo die Wiese sich noch nicht in Morast verwandelt hatte, übten sich Gruppen von Schwertkämpfern in ihrer Profession und ließen sich von einem Ober-Schwertkämpfer anbrüllen. Unzählige Lagerfeuer brannten zwischen den Zeltwänden und beförderten unterschiedlichstes Fleisch in Stadien zwischen roh und verbrannt. Der Duft verursachte mir beinahe einen Schwächeanfall: der vergangene Winter voller Kraut und Rüben hatte zweifellos seine Spuren hinterlassen. Vor den Zelten standen Helme und Brustpanzer aufgebockt und wurden von Pagen poliert, die in Wappenfarben gekleidet waren. Jemand hatte ein Schwein mitgebracht, das sich gerade zu meiner Linken unter einer Zeltbahn hindurch ins Zeltinnere wühlte. Überall schlugen Wimpel und Wappenfahnen im Wind. Irgendwo krähte ein Hahn.
Ich schloss zu Sindri auf, der den Silbergrauen an der Mündung der breitesten Zeltstraße zum Stehen gebracht hatte. Der Silbergraue schien Stuten oder einen Stall zu wittern, oder vielleicht wollte er nur seine immerwährende Misslaune zum Ausdruck bringen, jedenfalls trompetete er sein Wiehern über die Zeltdächer, stieg auf die Hinterbeine und drehte sich im Kreis, als Sindri ihn nicht vom Fleck ließ. Einmal mehr bewunderte ich die lässige Eleganz, mit der er im Sattel saß, er hielt es nicht einmal für nötig, beide Hände an die Zügel zu bringen.
„Und wohin jetzt, o mein hoftagerfahrener Freund?“, fragte ich ihn.
„Jetzt warten wir, dass uns jemand gebührend in Empfang nimmt“, sagte er.
„Hm“, sagte ich. „Ist es nicht vielmehr so, dass wir die Spielleute suchen sollten? Wir sind nicht offiziell geladen.“
„Quatsch“, sagte er. „Macht keinen Unterschied.“
Ich hatte noch nicht entschieden, ob ich mich auf eine Diskussion einlassen wollte, als das herrische Auftreten des Silbergrauen tatsächlich einen der Offiziellen auf den Plan rief, oder vielleicht waren wir auch nur lange genug im Weg herum gestanden.
„Roland Burgmann von Neideck“, stellte er sich vor. Er war ein hagerer, teuer gekleideter Mann, der auf einem hageren, teuer gezäumten Pferd saß. „Ich bin der Lagermeister und entbiete dem edlen jungen Herrn ein herzliches Willkommen. Welchem Rittergeschlecht ist Euer Schwert verpflichtet?“
„Mein Schwert ist nur mir selbst verpflichtet“, sagte Sindri. „Und dem König. Ich bin ein Edelfreier.“
„Natürlich“, sagte Ritter Roland und senkte den Blick, aber ich sah, wie er Sindri verstohlen musterte. „Verzeiht, Edler. Dann werdet Ihr nicht bei einer der Ritterhorden untergebracht, sondern bekommt einen Platz, um Eure eigenen Zelte aufzuschlagen.
„Oh“, murmelte ich. „Oh-oh.“
„Dürfte ich dann Euren Namen erfahren?“, fragte Ritter Roland.
„Jedesil“, sagte Sindri. „Jedesil von – von Wolfshagen.“
„Ein bemerkenswerter Name“, sagte Ritter Roland, und für mich klang es wie „Noch nie gehört“, was mich auch nicht wunderte. „Jedesil von Wolfshagen, in Begleitung von…?“
Sein aufmerksamer Blick glitt von Sindri ab und fiel auf mich.
„In Begleitung von seinem Gefolge“, sagte Sindri mit Nachdruck.
Ritter Roland sah mich kritisch an.
„Wolfram von Kürenberg“, sagte ich wütend. „In Begleitung von seinem Huhn.“
„Nun, Edler von Wolfshagen“, sagte Ritter Roland, „ich nehme an, Euer Tross wird in Bälde eintreffen?“
„Nein“, sagte Sindri und spürte offenbar keinerlei Notwendigkeit, sich zu erklären. „Und jetzt benötige ich ein Zelt, um mich von den Strapazen der Reise zu erholen. Mein Pferd braucht Hafer und muss trocken gerieben werden. Schickt einen erfahrenen Stallburschen, der Hengst ist nicht ganz einfach.“
„Ihr werdet erlauben, dass ich zunächst die Gästeliste…“
„Ich bin sicher, Ihr wisst, was sich geziemt, und werdet mich nicht warten lassen“, schnitt Sindri ihm das Wort ab. Ich wand mich unter seiner kalten Stimme. Ich fand es faszinierend und abstoßend zugleich, wie er diesen Mann abfertigte, der ohne Mühe sein Vater hätte sein können – und wie der Ritter es sich gefallen ließ, nur weil er in dem jungen Heißsporn einen Vertreter des Hochadels sah.
„Verzeiht mir“, sagte der Ritter und verneigte sich im Sattel. „Selbstverständlich wird Euch unverzüglich ein Zelt angewiesen. Wir haben einige Zelte vorbereitet für Ritter, die ohne Tross reisen.“
Was es nicht gab, so viel war mir klar. Kein Ritter reiste ohne Tross zu einem Hoftag, aber der Burgmann wollte offenbar nichts riskieren, bevor er seine Liste befragt hatte.
Ritter Roland brüllte einen Befehl, und Augenblicke später kam ein Stallbursche herbei gesprungen, bereit, uns die Pferde abzunehmen.
Ich saß ab. Ich musste Sindri unter vier Augen erwischen, bevor er uns noch ohne Einladung zur königlichen Banketttafel schleuste, wo wir zweifelsohne auffliegen und als Hochstapler am Pranger landen würden, zur Belustigung der echten Edelfreien.
Sindri blieb im Sattel sitzen. Als ich mit dem Gescheckten am Zügel zu ihm aufschloss, um ihm zumindest durch einen bösen Blick zu vermitteln, was ich von seiner Improvisation hielt, klopfte er sich mit der Hand auf den Oberschenkel und zeigte hinunter zu seiner Stiefelspitze, als wollte er mir mit dieser Geste etwas bedeuten. Sein Blick glitt herrisch über mich hinweg.
Ritter Roland sah mich an und schien auf etwas zu warten. Der Stallbursche, den er zitiert hatte, beäugte den schnaubenden Schimmel misstrauisch. Ich war kurz davor, mich als Spielmann zu erkennen zu geben und mich unter ungezählten Entschuldigungen zum Lager der Spielleute weiterreichen zu lassen. Der Pranger war nur eine Frage der Zeit, und er bot mir nicht die Art von öffentlicher Aufmerksamkeit, die ich mir wünschte.
„Hier“, zischte Sindri, immer noch ohne mich anzusehen und zeigte auf seine Stiefel. Ich stellte mich mit dem Rücken zu Ritter Roland, obwohl die Unhöflichkeit mir beinahe körperlich unangenehm war.
„Was?“, zischte ich.
„Halt mir den Steigbügel, verdammt!“, zischte Sindri. „So, dass sie es sehen können.“
In diesem Augenblick verstand ich den Grund der Verzögerung: Sie alle warteten, dass ich meinem Herrn endlich vom Pferd half und damit meine Gefolgschaft öffentlich demonstrierte. Das schlug doch wohl dem Fass den Boden aus!
Ich warf einen vorsichtigen Blick über die Schulter. Befremden und leise Ungeduld standen in Ritter Rolands Gesicht zu lesen. Ein paar andere Ritter hatten sich zu ihm gesellt und betrachteten die Szene interessiert.
Was wollte ich machen? Ich packte den verdammten Steigbügel und hegte Mordgedanken, während Sindri elegant absaß und mir die Zügel des Silbergrauen zuwarf.
„Bring das Gepäck nach“, sagte er und stolzierte durch den Schlamm davon.
„Bring das Gepäck nach“, herrschte ich den armen Stallburschen an und drückte ihm die Zügel des Silbergrauen in die Hand. „Nicht das Huhn! Das nehme ich selbst.“ Dann rannte ich Sindri hinterher.
„Du hast einen Schaden!“, fauchte ich. „Steigbügeldienst! Diesmal bist du wirklich zu weit gegangen!“
„Warum“, sagte er achselzuckend. „Ich brauchte ein Gefolge, und du warst da.“
Ich blieb stehen, riss die Hände zur Seite hoch und hub an, etwas Unhöfliches und ganz und gar nicht Gefolgsmännisches von mir zu geben, als Ritter Roland mich in flottem Trab überholte: er trabte selbst und hatte sein Pferd ebenfalls bei dem überforderten Stallknecht gelassen. Ich hätte schwören können, ein echter, eingeladener Edelfreier wäre bis zu seinem Zelt geritten, allein schon um keinen Fuß in die matschige Wiese setzen zu müssen, und Roland verfluchte innerlich den merkwürdigen jungen Adeligen, der ihn vom Pferd gezwungen hatte, um dem Protokoll zu folgen.
„Hier entlang“, gestikulierte er und brachte uns zu einem kleinen Zelt, auf dem die Farben der Gastgeber, rot und gelb, fröhlich im Wind flatterten.
„Bitte sehr“, sagte er und schlug die Zeltklappe zurück.
Immerhin konnte man in der Mitte aufrecht stehen. Das Zelt roch nach Kornspeicher, was die Vermutung nach dem Inhalt der vielen Säcke nahe legte, die entlang der Außenplanen gestapelt waren.
„Ein Vorratszelt“, sagte Sindri.
„Sicher nicht das, was Ihr gewohnt seid, ich bedaure“, sagte Roland, was so viel heißen sollte wie: „Wenn es Euch nicht passt, bringt demnächst Euer Zelt selber mit.“
„Nicht ganz“, sagte Sindri.
„Ich lasse Ausstattung herschaffen“, versprach Ritter Roland. „Teppiche, Kissen, Wein. Entschuldigt mich nun.“
Sindri entließ ihn mit einem kurzen Nicken, und Roland entfernte sich rückwärts und gebückt aus dem Zelt.
„Ich weiß gar nicht, was du dich so aufregst“, sagte Sindri gelassen.
„Ich rege mich nicht auf!“, schrie ich.
„Und schrei nicht rum“, sagte er. „Du weißt, ich kann das nicht leiden.“
„Ich schreie nicht!“, schrie ich. „Ich schreie nie!“
Tatsächlich war das eigentlich einer meiner Grundsätze. Seit Sindri in mein Leben getreten war, fiel es mir zunehmend schwerer, danach zu leben.
„Du könntest mein Gefolgsmann sein, dem Grunde nach“, sagte Sindri und bückte sich, um einen Kornsack aus der Ecke zu zerren. „Die Kürenberger sind nicht edelfrei, oder? Wem dienen sie?“
„Niemandem“, schnaubte ich. „Ätsch. Armutsfrei. Wir dienten den Treunitzern, aber deren Lehen ging zurück an die Krone, als die sich in irgendeinem Nachfolgezwist praktisch selbst ausgerottet haben. Und seitdem hat uns keiner haben wollen.“
„Wie schön“, sagte Sindri und ließ sich stöhnend auf den Kornsack plumpsen. „Dann kannst du doch mir dienen.“
„Repariere meine Burg, und wir reden drüber“, sagte ich. „Ach, warte. Ich vergaß. Der junge Herr Edelfrei hat ja gerade keinen Zugriff auf sein Erbe.“
„Das war gemein“, sagte Sindri blass.
„Ich bin wütend“, sagte ich. „Du hast mich bloßgestellt, da draußen! Ich bin nicht dein Gefolgsmann! Warum hast du nicht einfach nach dem Lager der Spielleute gefragt?“
„Weil ich kein Spielmann bin“, sagte Sindri.
„Du würdest einen prima Spielmann abgeben, bei diesen Vorstellungen, die du da hinlegst“, sagte ich.
„Ich will aber keiner sein“, sagte Sindri.
Ich seufzte und fuhr mir durch die Haare, die noch feucht vom letzten Platzregen waren.
„Die Spielleute werden aber die einzigen sein, die dich aufnehmen“, sagte ich. „Du bist abgehauen. Du hast dich selbst aus der Adelsgesellschaft entfernt. Du kannst nur hier im Ritterlager bleiben, wenn du reumütig zu deiner Familie zurückkehrst. Und riskierst, dass sie noch einmal versuchen, dich aus dem Weg zu schaffen.“
„Und dich?“, fragte er. „Werden sie dich denn aufnehmen?“
„Natürlich“, sagte ich. „Ich bin einer von ihnen.“
Ich umgab mich mit mehr Überzeugung, als ich tatsächlich verspürte. Tatsächlich war ich keineswegs einer von ihnen. Ich war ein abgestiegener Adeliger, und die Spielleute, die nicht aus dem Adel stammten, pflegten eine traditionelle Verachtung gegenüber jenen, die aus dem Nest gefallen waren. Volker, mein Lehrherre, hatte sich vom anderen Spielmannsvolk immer fern gehalten, nicht zuletzt aus Dünkel gegenüber den Jongleuren und Feuerschluckern, denen er jede Erbaulichkeit für das Publikum absprach.
Volker war allerdings auch von seinen adeligen Zuhörern in sattem Gold bezahlt worden, und konnte sich diese Weltanschauung leisten.
Spielmann zu sein, war ungefähr so kompliziert, wie Adeliger zu sein. Nur nicht so bequem.
„Komm“, sagte ich zu meinem adeligen Nestflüchtling. „Lass uns gehen, bevor die hier den Schwindel merken und uns den Garaus machen.“
Ich öffnete die Zeltklappe.
„Oder auch nicht“, sagte ich. „Ahem. Vielleicht bleiben wir einfach noch ein bisschen.“
Der Mann, der mich zurück ins Zelt drängte, hatte weder Teppiche noch Kissen dabei. Dafür trug er ein Kettenhemd, und nicht zur Zierde, wie mir die Breite seiner Schultern zusammen mit dem Waffenarsenal an seinem Gürtel verrieten. Er hatte einen sorgfältig geflochtenen roten Bart und überraschend freundliche Augen im sommersprossigen Gesicht. Ich war mir fast sicher, ihn unter den Zuschauern meiner Steigbügeldemütigung gesehen zu haben.
„Na, da sind ja die kleinen Hochstapler“, sagte er und verschränkte die Arme vor der Brust. „Was habt ihr euch dabei gedacht, hm?“
Ich machte einen Schritt zur Seite, um nicht länger zwischen Sindri und seinem Schicksal zu stehen.
„Er hat gedacht“, sagte ich. „Ich bin nur der Gefolgsmann.“
„Jedesil von was?“, sagte der rotbärtige Ritter. „Wolfshaufen?“
„Wolfshagen“, sagte Sindri trotzig.
„Einen dämlicheren Namen hättest du dir nicht ausdenken können, was?“, sagte der Rotbart. Sindri sprang von seinem Kornsack auf und griff nach dem Schwert.
„Ihr bezichtigt mich der Lüge“, fauchte er. „Wie könnt Ihr es wagen!“
„Lass es stecken“, sagte der Rotbart. „Ich bin hier, um Blutvergießen zu verhindern, nicht um welches anzurichten. Ich will Euch wegbringen, ehe Roland sich genötigt sieht, Schritte einzuleiten.“
„Aber ich…“, sagte Sindri.
„Prima Idee“, sagte ich. „Wir wollten sowieso gerade gehen.“
„Wollten wir nicht!“, begehrte Sindri auf.
„Oh doch, wolltet ihr“, bekräftigte der Rotbart. „Roland kontrolliert seine Listen. Er weiß, dass ihr nicht drauf steht, aber er macht es, weil er sich immer ans Protokoll hält. Wenn er damit fertig ist, wird er mit ein paar Bewaffneten vorbei kommen und euch mit gewaltigen Fußtritten hinaus befördern. Das hat er mir zu verstehen gegeben, und er erwartet von mir, dass ich euch wegbringe, bevor er eintrifft. Ihr seid nicht die ersten mittellosen Adeligen, die versuchen, durch ein solches Unternehmen ihren Stand zu heben, und er hat immer Mitleid mit den jungen Leuten.“
„Ich bin nicht mittellos!“, fauchte Sindri. „Ihr habt ja keine Ahnung, mit wem Ihr’s zu tun habt!“
„Ich denke schon“, sagte der Rotbart milde. „Du bist der verstoßene Sohn der Winterfelder, stimmt’s?“
Sindri stieß Atem aus. Die Farbe wich aus seinen Wangen und ließ sein Gesicht grau und ungesund zurück.
„Woher wisst Ihr das“, sagte er.
„Ich habe die Winterfelder ankommen sehen“, sagte der Rotbart. „Jeder weiß, dass sie zwei Söhne haben, aber nur einer war dabei. Es kursieren Geschichten über einen Bruderzwist. Und du siehst deiner Mutter sehr ähnlich.“
Sindri ließ sich auf seinen Kornsack fallen und kaute auf seiner Unterlippe.
„Wir gehen jetzt“, sagte ich. „Vielen Dank, Ritter…?“
„Gelfrat von Fuchsen“, sagte er und deutete eine Verbeugung an. „Verzeiht mein unhöfliches Benehmen.“
„Wolfram von Kürenberg“, stellte ich mich vor. „Spielmann. Wisst Ihr, wo die Spielleute ihr Lager aufgeschlagen haben?“
„Am Waldrand“, sagte Gelfrat. „Von der Rückseite des Ritterlagers aus nicht zu übersehen.“
„Ich danke Euch“, sagte ich erleichtert. „Lass uns gehen, Sind… Jedesil.“
„Ihr werdet ihnen nichts von meiner Anwesenheit verraten, nicht wahr?“, fragte Sindri. „Bitte. Das werdet Ihr nicht.“
„Die Götter mögen mich davor bewahren, meine Nase in die Angelegenheiten des Hochadels zu stecken“, sagte Gelfrat grinsend. „Abmarsch, Herrschaften.“
„Unsere Pferde“, fiel mir gerade noch rechtzeitig ein.
„Die lasse ich Euch ins Lager der Spielleute schaffen, wenn die Gelegenheit günstig ist“, versprach Gelfrat.
Obwohl Sindri immer noch Begeisterung vermissen ließ, brachte Gelfrat uns aus dem Zelt hinaus und auf die Rückseite, und dann auf einem verschlungenen Pfad zwischen Zeltschnüren, nassen Planen und in den schwammigen Boden geklopften Pflöcken hindurch auf die Wiese.
„Da drüben“, sagte er und zeigte mit dem Finger zum Waldrand.
Mehr als ein Dutzend bunter, teils offener Wagen waren dort vor den frühsommerlichen Regengüssen in Sicherheit gebracht worden. Zwischen den Bäumen brannten qualmende Lagerfeuer, eine Gruppe struppiger Pferde stand nahebei angepflockt. Wir verabschiedeten uns von Gelfrat, der ins Ritterlager zurückkehrte, und machten uns auf den Weg.
Der Wald dampfte unter den warmen Strahlen der hochstehenden Sonne. Ich überschattete die Augen mit der Hand, um besser zu sehen. Praxedis auf meinem Rücken gackerte leise. Mir war nicht ganz wohl.
Das Lager der Spielleute war beinahe so groß wie das der Ritter. Der gesamte Rest des Landes musste derzeit in Langeweile versinken, denn jeder, der in eine Tröte blasen konnte, schien hier versammelt, in bester Gesellschaft von Kesselflickern, Lumpensammlern, Scherenschleifern, Kräuterheilern, selbsternannten Zauberern, Schauspielern und Artisten.
Ich schluckte und schob meine Füße vorwärts. Plötzlich war mir viel zu klar, wie behütet mein bisheriges Spielmannsleben gewesen war: im Fahrwasser eines anerkannten Lehrmeisters, der mir sagte, wo es langging, auf Burgen spielen und erzählen, in adeliger Gesellschaft speisen, wenn auch am unteren Ende des Tisches, alltägliche Dienste für meinen Meister verrichten und überhaupt den Mund nur aufmachen, wenn ich gefragt wurde.
Wie dieses Leben mir plötzlich fehlte. Ich fühlte mich, als müsste ich in einen Raubtierkäfig steigen.
Zwischen den vordersten Wagen blieb ich stehen. Sindri neben mir sah sich interessiert um und wurde von einigen Frauen, die um ein Lagerfeuer herum hockten und Rüben schnitten, ebenso interessiert betrachtet.
„Hallo“, sagte Sindri und zauberte sich sein ansteckendes Lächeln ins Gesicht. Schlagartig wurde mir klar, dass er sich ziemlich schnell von seinem Schrecken erholt hatte und ich auf der Hut sein musste, wenn ich nicht als der ergebene Gehilfe des größten Zauberers aller Zeiten vorgestellt werden wollte, komplett mit einem Huhn, das goldene Eier legte.
„Seid gegrüßt“, schob ich nach. „Wir sind fahrende Spielleute und ersuchen Aufnahme in Euer Lager.“
„Seid gegrüßt“, sagte eine junge Frau mit einem haselnussbraunen Zopf, der ihr fast bis zur Hüfte reichte. Auf dem Arm hatte sie ein blondes Baby, das mich zahnlos anstrahlte. Sie erhob sich und kam uns entgegen, und ihr Lächeln war so freundlich, dass ich mich gleich ein wenig besser fühlte.
„Ich bin Ute“, sagte sie. „Seid willkommen.“
„Wolfram… Skaeldin“, stellte ich mich vor und hoffte, sie hätte mein Zögern nicht bemerkt. „Und das ist Jedesil von Wolfshagen, mein Begleiter.“
„Sieh an, ein Skalde“, sagte sie. „Wie schön. Du bist an meinem Feuer gern gesehen.“
„Wir fragen nicht nach dem Weg!“
Sindri rief es über die Schulter. Er ritt vor mir; der Silbergraue tänzelte durch die Pfützen, dass der Schlamm nur so spritzte. Es war ja so klar gewesen, dass es regnen würde, zum ersten Mal in diesem Jahr richtig, wenn ich eine Reise mit Übernachtungen unter freiem Himmel auf mich nahm. Zumindest jetzt war die Wolkendecke wieder aufgerissen, und die Sonne ließ das frisch gewaschene Land in kräftigen Farben erstrahlen.
Der Gescheckte trottete gelassen hinter seinem vollblütigen Kollegen her, und ich saß im Sattel und baumelte frustriert mit den Beinen. Ich fand, es hätte nichts geschadet, die Bauern auf dem Feld drüben am Waldrand nach dem richtigen Weg zu fragen. Die Straße war viel benutzt und zerfurcht von Karrenspuren, was an sich ein gutes Zeichen war, aber ich war immer noch nicht sicher, ob wir nicht fälschlicherweise zum Markttag in Tiefenellern unterwegs waren. Nichts gegen den Markttag in Tiefenellern. Sie veranstalteten traditionell einen Schützenwettbewerb, und der Gewinner bekam eine Ziege.
„Du kannst eine Ziege für mich gewinnen“, sagte ich laut. „Du behauptest doch immer, ein guter Schütze zu sein. Du kannst sie mir als Freundschaftsgeschenk darbringen, und wenn es eine hübsche Ziege ist, kriegt sie einen Namen und darf ihre Marotten entwickeln.“
Sindri zügelte den Silbergrauen, der daraufhin unwillig schnaubend auf die Hinterhand stieg. Ich fragte mich, ob das Pferd wusste, dass es hier kein Publikum zu beeindrucken gab, oder ob ihm das so herzlich egal war wie seinem Reiter.
„Manchmal denke ich, du hast einen Vogel“, sagte Sindri.
„Ha, ha“, sagte ich. „Der Witz greift sich langsam ab.“
„Wir fragen nicht nach dem Weg“, sagte Sindri. „Wie stellst du dir das vor? Soll ich zu den Bauern hin reiten und mich als einen Adligen zu erkennen geben, der nicht einmal weiß, in welche Richtung er zum Hoftag reiten muss? Wie tief soll ich eigentlich sinken?“
„Du kannst es mich machen lassen“, sagte ich. „Ich bin schon so tief gesunken.“
„Nichts da“, sagte Sindri. „Wir fragen nicht nach dem Weg. Wirf bitte einen geneigten Blick um diese Wegbiegung.“
Ich trieb den Gescheckten an, und er fiel in einen widerwilligen Schaukeltrab. Ich schloss zu Sindri auf und sah in die angegebene Richtung.
„Na, da hast du ja noch mal Glück gehabt“, sagte ich.
Die Straße überquerte an dieser Stelle eine Hügelkuppe. Eine breite Linie aus Heckenrosen und Brombeergestrüpp nahm mir einen Teil der Sicht, aber in der Senke am Waldrand, einige Bogenschussweiten entfernt, sah ich bunte Wimpel, die im Wind flatterten. Eine riesige Zeltstadt war dort aufgeschlagen, Koppeln für die Pferde abgesteckt, und Pfützen glitzerten im zertrampelten Boden zwischen den Zelten, wo ein reges Treiben herrschte. Hinter dem Lager begann der Wald, der sich in steilen Hängen hinauf in den Himmel zog, und ganz oben, auf einem Felssporn, erhob sich majestätisch der vorderste Wehrturm der Burg Neideck.
„Bitte sehr“, sagte Sindri generös. „Das Zeltlager. Alle Teilnehmer am Hoftag schlagen hier ihr Lager auf, bis der Herr des Hoftages, Leutfried von Neideck, mit seinem Gefolge geritten kommt, um die ganze Festgesellschaft in seine Burg zu führen. Mit allem Prunk und Pomp, versteht sich.“
„Ich weiß das“, sagte ich ungnädig.
„Tatsächlich?“, sagte Sindri erstaunt. „Woher? Ich dachte, du wärest immer schon arm gewesen und hättest keine Erfahrung mit Hoffesten.“
„Ich hab’s gelesen“, sagte ich. „Und du, tu nicht so, als wärest du schon auf hundert Hoffesten gewesen, ja?“
„Ich war! Auf einem. Der Freie von Wallenbach heiratete die – die… keine Ahnung. Irgendeine dicke Trulla. Ich war acht und in die Magd verliebt, die mich mit Schmalzkuchen fütterte.“
„Beeindruckend. Dann kann dieses Mal ja nichts schief gehen. Gesetzt den Fall, du hältst dich von den Mägden fern.“
„Du hast wirklich keine Ahnung, wie man ein gutes Leben führt“, sagte Sindri, gab dem Silbergrauen die Sporen und galoppierte den Hügel hinunter, dass der Schlamm spritzte.
„Warte!“, rief ich ihm hinterher, aber er hörte nicht. Seufzend trieb ich den Gescheckten an. Ich hätte gerne noch hinter diesen Brombeerbüschen meine alte, fadenscheinige Reiserobe gegen die schöne braune getauscht, die ich vom letzten Abenteuer mitgebracht und über den Winter wie einen Schatz gehütet hatte. Ich hatte sie eingepackt, um sie vor dem Straßenschmutz zu schützen, damit ich ordentlich aussah, falls irgendjemand auf diesem Fest mein Liedchen hören wollte. Sindri hingegen hatte es schon auf der Straße vorgezogen, sich prunkvoll zu kleiden, und galoppierte nun in seinem leuchtend blauen Wams, mit schlammbespritzten Hosen und Stiefeln quer über die Wiese auf das Zeltlager zu. Ich trieb den Gescheckten energisch an, und er fiel in seinen gutmütigen Galopp.
Das Zeltlager war eine Stadt, nur ohne Mauern. Jenseits ihrer Grenzen, wo die Wiese sich noch nicht in Morast verwandelt hatte, übten sich Gruppen von Schwertkämpfern in ihrer Profession und ließen sich von einem Ober-Schwertkämpfer anbrüllen. Unzählige Lagerfeuer brannten zwischen den Zeltwänden und beförderten unterschiedlichstes Fleisch in Stadien zwischen roh und verbrannt. Der Duft verursachte mir beinahe einen Schwächeanfall: der vergangene Winter voller Kraut und Rüben hatte zweifellos seine Spuren hinterlassen. Vor den Zelten standen Helme und Brustpanzer aufgebockt und wurden von Pagen poliert, die in Wappenfarben gekleidet waren. Jemand hatte ein Schwein mitgebracht, das sich gerade zu meiner Linken unter einer Zeltbahn hindurch ins Zeltinnere wühlte. Überall schlugen Wimpel und Wappenfahnen im Wind. Irgendwo krähte ein Hahn.
Ich schloss zu Sindri auf, der den Silbergrauen an der Mündung der breitesten Zeltstraße zum Stehen gebracht hatte. Der Silbergraue schien Stuten oder einen Stall zu wittern, oder vielleicht wollte er nur seine immerwährende Misslaune zum Ausdruck bringen, jedenfalls trompetete er sein Wiehern über die Zeltdächer, stieg auf die Hinterbeine und drehte sich im Kreis, als Sindri ihn nicht vom Fleck ließ. Einmal mehr bewunderte ich die lässige Eleganz, mit der er im Sattel saß, er hielt es nicht einmal für nötig, beide Hände an die Zügel zu bringen.
„Und wohin jetzt, o mein hoftagerfahrener Freund?“, fragte ich ihn.
„Jetzt warten wir, dass uns jemand gebührend in Empfang nimmt“, sagte er.
„Hm“, sagte ich. „Ist es nicht vielmehr so, dass wir die Spielleute suchen sollten? Wir sind nicht offiziell geladen.“
„Quatsch“, sagte er. „Macht keinen Unterschied.“
Ich hatte noch nicht entschieden, ob ich mich auf eine Diskussion einlassen wollte, als das herrische Auftreten des Silbergrauen tatsächlich einen der Offiziellen auf den Plan rief, oder vielleicht waren wir auch nur lange genug im Weg herum gestanden.
„Roland Burgmann von Neideck“, stellte er sich vor. Er war ein hagerer, teuer gekleideter Mann, der auf einem hageren, teuer gezäumten Pferd saß. „Ich bin der Lagermeister und entbiete dem edlen jungen Herrn ein herzliches Willkommen. Welchem Rittergeschlecht ist Euer Schwert verpflichtet?“
„Mein Schwert ist nur mir selbst verpflichtet“, sagte Sindri. „Und dem König. Ich bin ein Edelfreier.“
„Natürlich“, sagte Ritter Roland und senkte den Blick, aber ich sah, wie er Sindri verstohlen musterte. „Verzeiht, Edler. Dann werdet Ihr nicht bei einer der Ritterhorden untergebracht, sondern bekommt einen Platz, um Eure eigenen Zelte aufzuschlagen.
„Oh“, murmelte ich. „Oh-oh.“
„Dürfte ich dann Euren Namen erfahren?“, fragte Ritter Roland.
„Jedesil“, sagte Sindri. „Jedesil von – von Wolfshagen.“
„Ein bemerkenswerter Name“, sagte Ritter Roland, und für mich klang es wie „Noch nie gehört“, was mich auch nicht wunderte. „Jedesil von Wolfshagen, in Begleitung von…?“
Sein aufmerksamer Blick glitt von Sindri ab und fiel auf mich.
„In Begleitung von seinem Gefolge“, sagte Sindri mit Nachdruck.
Ritter Roland sah mich kritisch an.
„Wolfram von Kürenberg“, sagte ich wütend. „In Begleitung von seinem Huhn.“
„Nun, Edler von Wolfshagen“, sagte Ritter Roland, „ich nehme an, Euer Tross wird in Bälde eintreffen?“
„Nein“, sagte Sindri und spürte offenbar keinerlei Notwendigkeit, sich zu erklären. „Und jetzt benötige ich ein Zelt, um mich von den Strapazen der Reise zu erholen. Mein Pferd braucht Hafer und muss trocken gerieben werden. Schickt einen erfahrenen Stallburschen, der Hengst ist nicht ganz einfach.“
„Ihr werdet erlauben, dass ich zunächst die Gästeliste…“
„Ich bin sicher, Ihr wisst, was sich geziemt, und werdet mich nicht warten lassen“, schnitt Sindri ihm das Wort ab. Ich wand mich unter seiner kalten Stimme. Ich fand es faszinierend und abstoßend zugleich, wie er diesen Mann abfertigte, der ohne Mühe sein Vater hätte sein können – und wie der Ritter es sich gefallen ließ, nur weil er in dem jungen Heißsporn einen Vertreter des Hochadels sah.
„Verzeiht mir“, sagte der Ritter und verneigte sich im Sattel. „Selbstverständlich wird Euch unverzüglich ein Zelt angewiesen. Wir haben einige Zelte vorbereitet für Ritter, die ohne Tross reisen.“
Was es nicht gab, so viel war mir klar. Kein Ritter reiste ohne Tross zu einem Hoftag, aber der Burgmann wollte offenbar nichts riskieren, bevor er seine Liste befragt hatte.
Ritter Roland brüllte einen Befehl, und Augenblicke später kam ein Stallbursche herbei gesprungen, bereit, uns die Pferde abzunehmen.
Ich saß ab. Ich musste Sindri unter vier Augen erwischen, bevor er uns noch ohne Einladung zur königlichen Banketttafel schleuste, wo wir zweifelsohne auffliegen und als Hochstapler am Pranger landen würden, zur Belustigung der echten Edelfreien.
Sindri blieb im Sattel sitzen. Als ich mit dem Gescheckten am Zügel zu ihm aufschloss, um ihm zumindest durch einen bösen Blick zu vermitteln, was ich von seiner Improvisation hielt, klopfte er sich mit der Hand auf den Oberschenkel und zeigte hinunter zu seiner Stiefelspitze, als wollte er mir mit dieser Geste etwas bedeuten. Sein Blick glitt herrisch über mich hinweg.
Ritter Roland sah mich an und schien auf etwas zu warten. Der Stallbursche, den er zitiert hatte, beäugte den schnaubenden Schimmel misstrauisch. Ich war kurz davor, mich als Spielmann zu erkennen zu geben und mich unter ungezählten Entschuldigungen zum Lager der Spielleute weiterreichen zu lassen. Der Pranger war nur eine Frage der Zeit, und er bot mir nicht die Art von öffentlicher Aufmerksamkeit, die ich mir wünschte.
„Hier“, zischte Sindri, immer noch ohne mich anzusehen und zeigte auf seine Stiefel. Ich stellte mich mit dem Rücken zu Ritter Roland, obwohl die Unhöflichkeit mir beinahe körperlich unangenehm war.
„Was?“, zischte ich.
„Halt mir den Steigbügel, verdammt!“, zischte Sindri. „So, dass sie es sehen können.“
In diesem Augenblick verstand ich den Grund der Verzögerung: Sie alle warteten, dass ich meinem Herrn endlich vom Pferd half und damit meine Gefolgschaft öffentlich demonstrierte. Das schlug doch wohl dem Fass den Boden aus!
Ich warf einen vorsichtigen Blick über die Schulter. Befremden und leise Ungeduld standen in Ritter Rolands Gesicht zu lesen. Ein paar andere Ritter hatten sich zu ihm gesellt und betrachteten die Szene interessiert.
Was wollte ich machen? Ich packte den verdammten Steigbügel und hegte Mordgedanken, während Sindri elegant absaß und mir die Zügel des Silbergrauen zuwarf.
„Bring das Gepäck nach“, sagte er und stolzierte durch den Schlamm davon.
„Bring das Gepäck nach“, herrschte ich den armen Stallburschen an und drückte ihm die Zügel des Silbergrauen in die Hand. „Nicht das Huhn! Das nehme ich selbst.“ Dann rannte ich Sindri hinterher.
„Du hast einen Schaden!“, fauchte ich. „Steigbügeldienst! Diesmal bist du wirklich zu weit gegangen!“
„Warum“, sagte er achselzuckend. „Ich brauchte ein Gefolge, und du warst da.“
Ich blieb stehen, riss die Hände zur Seite hoch und hub an, etwas Unhöfliches und ganz und gar nicht Gefolgsmännisches von mir zu geben, als Ritter Roland mich in flottem Trab überholte: er trabte selbst und hatte sein Pferd ebenfalls bei dem überforderten Stallknecht gelassen. Ich hätte schwören können, ein echter, eingeladener Edelfreier wäre bis zu seinem Zelt geritten, allein schon um keinen Fuß in die matschige Wiese setzen zu müssen, und Roland verfluchte innerlich den merkwürdigen jungen Adeligen, der ihn vom Pferd gezwungen hatte, um dem Protokoll zu folgen.
„Hier entlang“, gestikulierte er und brachte uns zu einem kleinen Zelt, auf dem die Farben der Gastgeber, rot und gelb, fröhlich im Wind flatterten.
„Bitte sehr“, sagte er und schlug die Zeltklappe zurück.
Immerhin konnte man in der Mitte aufrecht stehen. Das Zelt roch nach Kornspeicher, was die Vermutung nach dem Inhalt der vielen Säcke nahe legte, die entlang der Außenplanen gestapelt waren.
„Ein Vorratszelt“, sagte Sindri.
„Sicher nicht das, was Ihr gewohnt seid, ich bedaure“, sagte Roland, was so viel heißen sollte wie: „Wenn es Euch nicht passt, bringt demnächst Euer Zelt selber mit.“
„Nicht ganz“, sagte Sindri.
„Ich lasse Ausstattung herschaffen“, versprach Ritter Roland. „Teppiche, Kissen, Wein. Entschuldigt mich nun.“
Sindri entließ ihn mit einem kurzen Nicken, und Roland entfernte sich rückwärts und gebückt aus dem Zelt.
„Ich weiß gar nicht, was du dich so aufregst“, sagte Sindri gelassen.
„Ich rege mich nicht auf!“, schrie ich.
„Und schrei nicht rum“, sagte er. „Du weißt, ich kann das nicht leiden.“
„Ich schreie nicht!“, schrie ich. „Ich schreie nie!“
Tatsächlich war das eigentlich einer meiner Grundsätze. Seit Sindri in mein Leben getreten war, fiel es mir zunehmend schwerer, danach zu leben.
„Du könntest mein Gefolgsmann sein, dem Grunde nach“, sagte Sindri und bückte sich, um einen Kornsack aus der Ecke zu zerren. „Die Kürenberger sind nicht edelfrei, oder? Wem dienen sie?“
„Niemandem“, schnaubte ich. „Ätsch. Armutsfrei. Wir dienten den Treunitzern, aber deren Lehen ging zurück an die Krone, als die sich in irgendeinem Nachfolgezwist praktisch selbst ausgerottet haben. Und seitdem hat uns keiner haben wollen.“
„Wie schön“, sagte Sindri und ließ sich stöhnend auf den Kornsack plumpsen. „Dann kannst du doch mir dienen.“
„Repariere meine Burg, und wir reden drüber“, sagte ich. „Ach, warte. Ich vergaß. Der junge Herr Edelfrei hat ja gerade keinen Zugriff auf sein Erbe.“
„Das war gemein“, sagte Sindri blass.
„Ich bin wütend“, sagte ich. „Du hast mich bloßgestellt, da draußen! Ich bin nicht dein Gefolgsmann! Warum hast du nicht einfach nach dem Lager der Spielleute gefragt?“
„Weil ich kein Spielmann bin“, sagte Sindri.
„Du würdest einen prima Spielmann abgeben, bei diesen Vorstellungen, die du da hinlegst“, sagte ich.
„Ich will aber keiner sein“, sagte Sindri.
Ich seufzte und fuhr mir durch die Haare, die noch feucht vom letzten Platzregen waren.
„Die Spielleute werden aber die einzigen sein, die dich aufnehmen“, sagte ich. „Du bist abgehauen. Du hast dich selbst aus der Adelsgesellschaft entfernt. Du kannst nur hier im Ritterlager bleiben, wenn du reumütig zu deiner Familie zurückkehrst. Und riskierst, dass sie noch einmal versuchen, dich aus dem Weg zu schaffen.“
„Und dich?“, fragte er. „Werden sie dich denn aufnehmen?“
„Natürlich“, sagte ich. „Ich bin einer von ihnen.“
Ich umgab mich mit mehr Überzeugung, als ich tatsächlich verspürte. Tatsächlich war ich keineswegs einer von ihnen. Ich war ein abgestiegener Adeliger, und die Spielleute, die nicht aus dem Adel stammten, pflegten eine traditionelle Verachtung gegenüber jenen, die aus dem Nest gefallen waren. Volker, mein Lehrherre, hatte sich vom anderen Spielmannsvolk immer fern gehalten, nicht zuletzt aus Dünkel gegenüber den Jongleuren und Feuerschluckern, denen er jede Erbaulichkeit für das Publikum absprach.
Volker war allerdings auch von seinen adeligen Zuhörern in sattem Gold bezahlt worden, und konnte sich diese Weltanschauung leisten.
Spielmann zu sein, war ungefähr so kompliziert, wie Adeliger zu sein. Nur nicht so bequem.
„Komm“, sagte ich zu meinem adeligen Nestflüchtling. „Lass uns gehen, bevor die hier den Schwindel merken und uns den Garaus machen.“
Ich öffnete die Zeltklappe.
„Oder auch nicht“, sagte ich. „Ahem. Vielleicht bleiben wir einfach noch ein bisschen.“
Der Mann, der mich zurück ins Zelt drängte, hatte weder Teppiche noch Kissen dabei. Dafür trug er ein Kettenhemd, und nicht zur Zierde, wie mir die Breite seiner Schultern zusammen mit dem Waffenarsenal an seinem Gürtel verrieten. Er hatte einen sorgfältig geflochtenen roten Bart und überraschend freundliche Augen im sommersprossigen Gesicht. Ich war mir fast sicher, ihn unter den Zuschauern meiner Steigbügeldemütigung gesehen zu haben.
„Na, da sind ja die kleinen Hochstapler“, sagte er und verschränkte die Arme vor der Brust. „Was habt ihr euch dabei gedacht, hm?“
Ich machte einen Schritt zur Seite, um nicht länger zwischen Sindri und seinem Schicksal zu stehen.
„Er hat gedacht“, sagte ich. „Ich bin nur der Gefolgsmann.“
„Jedesil von was?“, sagte der rotbärtige Ritter. „Wolfshaufen?“
„Wolfshagen“, sagte Sindri trotzig.
„Einen dämlicheren Namen hättest du dir nicht ausdenken können, was?“, sagte der Rotbart. Sindri sprang von seinem Kornsack auf und griff nach dem Schwert.
„Ihr bezichtigt mich der Lüge“, fauchte er. „Wie könnt Ihr es wagen!“
„Lass es stecken“, sagte der Rotbart. „Ich bin hier, um Blutvergießen zu verhindern, nicht um welches anzurichten. Ich will Euch wegbringen, ehe Roland sich genötigt sieht, Schritte einzuleiten.“
„Aber ich…“, sagte Sindri.
„Prima Idee“, sagte ich. „Wir wollten sowieso gerade gehen.“
„Wollten wir nicht!“, begehrte Sindri auf.
„Oh doch, wolltet ihr“, bekräftigte der Rotbart. „Roland kontrolliert seine Listen. Er weiß, dass ihr nicht drauf steht, aber er macht es, weil er sich immer ans Protokoll hält. Wenn er damit fertig ist, wird er mit ein paar Bewaffneten vorbei kommen und euch mit gewaltigen Fußtritten hinaus befördern. Das hat er mir zu verstehen gegeben, und er erwartet von mir, dass ich euch wegbringe, bevor er eintrifft. Ihr seid nicht die ersten mittellosen Adeligen, die versuchen, durch ein solches Unternehmen ihren Stand zu heben, und er hat immer Mitleid mit den jungen Leuten.“
„Ich bin nicht mittellos!“, fauchte Sindri. „Ihr habt ja keine Ahnung, mit wem Ihr’s zu tun habt!“
„Ich denke schon“, sagte der Rotbart milde. „Du bist der verstoßene Sohn der Winterfelder, stimmt’s?“
Sindri stieß Atem aus. Die Farbe wich aus seinen Wangen und ließ sein Gesicht grau und ungesund zurück.
„Woher wisst Ihr das“, sagte er.
„Ich habe die Winterfelder ankommen sehen“, sagte der Rotbart. „Jeder weiß, dass sie zwei Söhne haben, aber nur einer war dabei. Es kursieren Geschichten über einen Bruderzwist. Und du siehst deiner Mutter sehr ähnlich.“
Sindri ließ sich auf seinen Kornsack fallen und kaute auf seiner Unterlippe.
„Wir gehen jetzt“, sagte ich. „Vielen Dank, Ritter…?“
„Gelfrat von Fuchsen“, sagte er und deutete eine Verbeugung an. „Verzeiht mein unhöfliches Benehmen.“
„Wolfram von Kürenberg“, stellte ich mich vor. „Spielmann. Wisst Ihr, wo die Spielleute ihr Lager aufgeschlagen haben?“
„Am Waldrand“, sagte Gelfrat. „Von der Rückseite des Ritterlagers aus nicht zu übersehen.“
„Ich danke Euch“, sagte ich erleichtert. „Lass uns gehen, Sind… Jedesil.“
„Ihr werdet ihnen nichts von meiner Anwesenheit verraten, nicht wahr?“, fragte Sindri. „Bitte. Das werdet Ihr nicht.“
„Die Götter mögen mich davor bewahren, meine Nase in die Angelegenheiten des Hochadels zu stecken“, sagte Gelfrat grinsend. „Abmarsch, Herrschaften.“
„Unsere Pferde“, fiel mir gerade noch rechtzeitig ein.
„Die lasse ich Euch ins Lager der Spielleute schaffen, wenn die Gelegenheit günstig ist“, versprach Gelfrat.
Obwohl Sindri immer noch Begeisterung vermissen ließ, brachte Gelfrat uns aus dem Zelt hinaus und auf die Rückseite, und dann auf einem verschlungenen Pfad zwischen Zeltschnüren, nassen Planen und in den schwammigen Boden geklopften Pflöcken hindurch auf die Wiese.
„Da drüben“, sagte er und zeigte mit dem Finger zum Waldrand.
Mehr als ein Dutzend bunter, teils offener Wagen waren dort vor den frühsommerlichen Regengüssen in Sicherheit gebracht worden. Zwischen den Bäumen brannten qualmende Lagerfeuer, eine Gruppe struppiger Pferde stand nahebei angepflockt. Wir verabschiedeten uns von Gelfrat, der ins Ritterlager zurückkehrte, und machten uns auf den Weg.
Der Wald dampfte unter den warmen Strahlen der hochstehenden Sonne. Ich überschattete die Augen mit der Hand, um besser zu sehen. Praxedis auf meinem Rücken gackerte leise. Mir war nicht ganz wohl.
Das Lager der Spielleute war beinahe so groß wie das der Ritter. Der gesamte Rest des Landes musste derzeit in Langeweile versinken, denn jeder, der in eine Tröte blasen konnte, schien hier versammelt, in bester Gesellschaft von Kesselflickern, Lumpensammlern, Scherenschleifern, Kräuterheilern, selbsternannten Zauberern, Schauspielern und Artisten.
Ich schluckte und schob meine Füße vorwärts. Plötzlich war mir viel zu klar, wie behütet mein bisheriges Spielmannsleben gewesen war: im Fahrwasser eines anerkannten Lehrmeisters, der mir sagte, wo es langging, auf Burgen spielen und erzählen, in adeliger Gesellschaft speisen, wenn auch am unteren Ende des Tisches, alltägliche Dienste für meinen Meister verrichten und überhaupt den Mund nur aufmachen, wenn ich gefragt wurde.
Wie dieses Leben mir plötzlich fehlte. Ich fühlte mich, als müsste ich in einen Raubtierkäfig steigen.
Zwischen den vordersten Wagen blieb ich stehen. Sindri neben mir sah sich interessiert um und wurde von einigen Frauen, die um ein Lagerfeuer herum hockten und Rüben schnitten, ebenso interessiert betrachtet.
„Hallo“, sagte Sindri und zauberte sich sein ansteckendes Lächeln ins Gesicht. Schlagartig wurde mir klar, dass er sich ziemlich schnell von seinem Schrecken erholt hatte und ich auf der Hut sein musste, wenn ich nicht als der ergebene Gehilfe des größten Zauberers aller Zeiten vorgestellt werden wollte, komplett mit einem Huhn, das goldene Eier legte.
„Seid gegrüßt“, schob ich nach. „Wir sind fahrende Spielleute und ersuchen Aufnahme in Euer Lager.“
„Seid gegrüßt“, sagte eine junge Frau mit einem haselnussbraunen Zopf, der ihr fast bis zur Hüfte reichte. Auf dem Arm hatte sie ein blondes Baby, das mich zahnlos anstrahlte. Sie erhob sich und kam uns entgegen, und ihr Lächeln war so freundlich, dass ich mich gleich ein wenig besser fühlte.
„Ich bin Ute“, sagte sie. „Seid willkommen.“
„Wolfram… Skaeldin“, stellte ich mich vor und hoffte, sie hätte mein Zögern nicht bemerkt. „Und das ist Jedesil von Wolfshagen, mein Begleiter.“
„Sieh an, ein Skalde“, sagte sie. „Wie schön. Du bist an meinem Feuer gern gesehen.“